Bis 2050 klimaneutral
05.12.2016 Ausgabe: 8/16

Mit hoch gesteckten Zielen und Eigeninitiative will Nordrhein-Westfalen die Pläne zum Klimaschutz im Gebäudebestand vorantreiben.

Ende August 2016 führte die landeseigene NRW.BANK ein Darlehen für Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) zur Förderung energetischer Sanierungen ein. Maßgeblich ist dies auch auf die Mitarbeit des Verbandes nordrhein-westfälischer Immobilienverwalter (VNWI) zurückzuführen. Als Spitzenverband und Stimme der professionellen und hauptberuflichen Immobilienverwalter in Deutschland unterstützt der DDIV Initiativen des Bundes und der Länder, die Eigentümergemeinschaften bei Sanierungsvorhaben fördern und die Professionalisierung der Branche vorantreiben – insbesondere durch die anstehenden Berufszulassungsregelungen für Verwalter. Michael Groschek, NRW-Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr, im Interview über das Engagement seines Bundeslandes, die Klimaschutzziele zu erreichen, energetische Sanierungen im Gebäudebestand zu fördern und auch die Rolle des Immobilienverwalters dabei zu stärken:

Herr Minister Groschek, die Klimaschutzziele der Bundesregierung sind ehrgeizig: Der ­Primärenergiebedarf soll bis 2050 um 50 Prozent gesenkt werden. Welche Ziele hat sich Ihre Landesregierung gesetzt?
Die NRW-Landesregierung hat ihre Ziele im Klimaschutzplan formuliert. Für den Sektor Bauen und Gewerbe, Handel und Dienstleistungen will das Land die Emission von Treibhausgasen bis 2020 gegenüber 1990 um 25 Prozent senken, bis 2050 ist eine Reduzierung um 80 Prozent angepeilt. Damit diese Ziele erreicht werden, strebt NRW einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050 an.

Dafür stellt das Land Angebote der sozialen Wohnraumförderung ebenso wie Fördermittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zur Verfügung. Während die Landesförderprogramme neben der Einsparung von Energie und Energiekosten auch auf sozial verträgliche Mieten – nach Modernisierung – abzielen, steht bei der KfW-Förderung ausschließlich der Klimaschutz im Vordergrund.

Die soziale Wohnraumförderung hält Mittel für die Modernisierung, Sanierung und Aufwertung von bestehenden und zukünftigen Sozialwohnungen bereit. Gefördert werden Bestandsinvestitionen in den energetischen Standard, aber auch zum Beispiel in die Barrierefreiheit. Seit dem letzten Jahr haben wir zusätzlich gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft die Initiative „Besser wohnen/ Energetische Sanierung plus“ zur ­Aufwertung großer Wohnquartiere entwickelt.

Wie hat sich die Sanierungsquote in NRW in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
Darüber, wie man die Sanierungsrate sinnvoll erfassen kann, streiten sich die Experten schon länger. Schätzungen zufolge liegt die Sanierungsrate bei unter einem Prozent des Gebäudebestandes, wobei die umgesetzten Sanierungsmaßnahmen oftmals kleinteilig und von unterschiedlicher energetischer Qualität sind. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, insbesondere weil die energetische Qualität, die durch die Sanierung erreicht wurde, nicht statistisch erfasst wird.

Insgesamt lässt sich der Ausstoß von Treibhausgasen in Wohngebäuden sowohl mit einer hohen Sanierungsrate als auch mit einem ehrgeizigen Einsatz erneuerbarer Energien erzielen. Deshalb verfolgt die Landesregierung beim Klimaschutz eine technologieoffene Strategie. Klar ist, dass wir die Energieeffizienz im Gebäudebestand weiter deutlich erhöhen müssen.

Ihre Landesregierung fördert Sanierungen in WEG mit günstigen Darlehen. Die NRW.BANK übernimmt dabei 50 Prozent des Risikos der Hausbank. Welche Vorteile sehen Sie darin, und warum hat sich NRW für diese Methode der Förderung entschieden?
Fast jede vierte Wohnung in NRW befindet sich in einer Wohnungseigentümergemeinschaft, und hier zeigt sich häufig erheblicher Sanierungsstau, nicht nur in Bezug auf die energetische Qualität. Das hat mehrere Gründe: Zum einen müssen sich Gemeinschaften einigen, schon das ist in der Regel ein langwieriger Prozess. Zum anderen gab es in der Vergangenheit sowohl bei den WEG als auch bei den Hausbanken viel Unsicherheit über die gemeinschaftliche Haftung hinsichtlich der möglichen Anfechtbarkeit von Beschlüssen. Hinzu kam, dass Gemeinschaftskredite nicht im Grundbuch abgesichert werden konnten, was sie für die Hausbanken zu 100-prozentigen Blankokrediten machte. Am Markt gab es nur sehr vereinzelte Finanzierungsangebote für solche Gemeinschaften, so dass die Finanzierung von Sanierungen nur dann funktionierte, wenn jeder einzelne Eigentümer seinen Anteil jeweils mit seiner Hausbank geklärt hatte.

Mit dem WEG-Kredit schließen wir diese Lücke. Die Risikoübernahme durch die NRW.BANK halbiert das Risiko der Hausbank. Das Angebot ermöglicht ein einfaches Förderverfahren und niedrige Zinsen. Der Bundesgerichtshof hat mittlerweile auch eindeutig klargestellt, dass Beschlüsse der Eigentümerversammlung nach Ablauf der Einspruchsfrist in jedem Fall rechtsgültig sind. Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, dass auch Wohnungen in Eigentümergemeinschaften endlich saniert werden.

Welche Sanierungsmaßnahmen können WEG mit dem Darlehen finanzieren, und in ­welcher Höhe?
Mit dem neuen Programm können grundsätzlich alle Investitionsvorhaben von WEG in ihr Wohneigentum finanziert werden. Gefördert werden zum Beispiel Maßnahmen, mit denen die gesetzlichen Energiestandards erreicht, der Ressourcenverbrauch reduziert oder Barrieren abgebaut werden. Pro Wohneinheit können bis zu 30.000 Euro beantragt werden. Eine WEG kann dabei höchstens zehn Mio. Euro erhalten. Das Darlehen kann über die Hausbank mit zehnjähriger Laufzeit bei einem tilgungsfreien Jahr beantragt werden.

Immobilienverwaltungen kommt bei Sanierungsprozessen eine besondere Rolle zu. Gibt es Überlegungen, für Verwalter Anreize zu schaffen, damit Modernisierungsmaßnahmen und Förderprogramme in WEG noch besser umgesetzt werden?
Ich gehe davon aus, dass ein guter Verwalter seine WEG über sinnvolle und nachhaltige Investitionen fachlich kompetent berät. Dabei steht den Verwalterinnen und Verwaltern in Nordrhein-Westfalen eine gute Beratungsinfrastruktur zur Seite, die von der Landesregierung gefördert wird. Ansprechpartner für die Frage, welche energetischen Sanierungsmaßnahmen im konkreten Fall sinnvoll sind, ist die Energieberatung der Verbraucherzentralen. Die Finanzierung sollten die WEG-Verwalter mit den Hausbanken klären. In Fällen, in denen eine WEG auch gewerbliche Anteile aufweist, etwa ein Ladenlokal im Haus, rate ich dazu, direkt mit der NRW.BANK Kontakt aufzunehmen.

Die Berufszulassungsregelung für WEG-Verwalter befindet sich derzeit im parlamentarischen Verfahren, auch der Bundesrat ist mitberatend. Der vorliegende Entwurf sieht jedoch weder den Einschluss des Mietverwalters noch eine Weiterbildungspflicht vor. Die Allianz aus Deutscher Mieterbund, Haus & Grund und DDIV befürwortet dies aber – zum Schutz von Verbrauchern, Eigentümern und Mietern. Wie wird sich NRW dazu im Bundesrat positionieren?
Die Landesregierung begrüßt, dass mit dem Gesetzentwurf des Bundeswirtschaftsministers die Berufszulassung für WEG-Verwalter geregelt werden soll. Es ist richtig, eine Mindestqualifikation vorauszusetzen, um Missstände durch unseriös agierende Verwalter zu verhindern und um seriöse und kompetente Verwaltungen, aber auch die Wohnungseigentümer vor Risiken zu schützen. Ich bin dafür, die Wirkung des Gesetzes nach einigen Jahren zu überprüfen und dann gegebenenfalls nachzusteuern. Aber wir sollten jetzt vor allem dafür sorgen, dass der Gesetzentwurf auch rechtskräftig wird. Mit zusätzlichen Anforderungen laufen wir Gefahr, ihn zu zerreden.

Foto: © Castleski / Shutterstock.com


Schlagworte:
NRW-Förderung,Sanierung,WEG-Kredite

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